Dossier

Ausgabe 12

Im Anderen Umstanden : Einleitung

Maternités extra-ordinaires: Introduction

Seite 24
Saskia Walentowitz

Was soll man unter einer «ausser-gewöhnlichen» Schwangerschaft verstehen, wo sich doch schon eine «gewöhnliche» Schwangere «in anderen Umständen» befindet? Die Sozialwissenschaften geben auf diese Frage kaum eine Antwort, schon zumal sie sich bislang nur wenig für die persönlichen Erfahrungen werdender Mütter interessierten. Sie folgen in ihren Ansätzen eher der Objektivierung von Schwangerschaft durch ihre Medikalisierung − ungeachtet der Tatsache, dass die «somatische Wahrheit» der Schwangerschaft vor der frühen Aufspürung des Hormons HCG einzig bei der Wahrnehmung der Frauen lag und, in Abwesenheit medizinischer Test, auch heute noch liegt (Duden 2002). Anstelle der Erfahrungen und Empfindungen der Mütter (sowie der Väter) thematisieren Sozialanthropologen in der Mehrheit die unterschiedlichen gesellschaftlichen Haltungen gegenüber Schwangeren und Gebärenden, welche überall in der Welt einer Vielzahl von Nahrungs- bzw. Sexualtabus und anderen Verhaltenseinschränkungen unterliegen (Bartoli 1998). Gemäss einer in den verschiedensten Kulturen häufig zu findenden Ansicht verstossen Frauen «in anderen Umständen» nahezu per definition gegen gesellschaftliche Normen − vom Heisshunger auf unrechte Nahrungsmittel bis hin zum Verbrechen (Delaisi de Parseval und Lallemand 2001). Fast ist es, als ob sich das Verhalten einer Frau ohne monatliche Regel zwangsläufig dereguliere (ibid.: 92).