Dossier

Ausgabe 12

Zwölf-Monats-Schwangerschaften

Internationale Migration, reproduktive Konflikte und Weibliche Autonomie in einer Zentralmexikanischen Gemeinde

Seite 82
Julia Pauli

Nach einer schwierigen Geburt sei Marias Kind jetzt da, berichtet Fransisco mit einem ironischen, fast anzüglichen Lächeln. Wir befinden uns in Fransiscos und Annas Küche. Seit Juni 1996, dem Beginn meiner Feldforschung im Valle de Solís, Zentralmexiko, besuche ich die beiden regelmässig. Sie leben, wie Maria, in der 165 Haushalte umfassenden Gemeinde Pueblo Nuevo. Migration ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der dortigen wirtschaftlichen Überlebensstrategien. Bis etwa Mitte der 1990er Jahre haben die MigrantInnen vor allem in Mexiko-Stadt nach Arbeit gesucht. In den letzten Jahren ist der Anteil der illegalen Migration in die USA stark angestiegen (Pauli 2000; Pauli 2002).

Fransisco setzt seine Reflektionen über Marias schwierige Schwangerschaft fort. Es sei nicht erstaunlich, dass es Maria so schlecht ginge, schliesslich hätte sie ihrem gerade aus den USA zurückgekehrten Mann Pedro erklären müs- sen, warum sie anstelle von neun zwölf Monate schwanger gewesen sei. Anfang Januar sei Pedro in die USA gegangen und jetzt habe Maria ein Jahr später ein Kind geboren. Dann lacht Fransisco und erklärt «Hijos de doce meses, aquí les tenemos! – Zwölf-Monats-Babys, so etwas gibt es hier!». Fransiscos Frau Anna ergänzt «Was für ein Glück für Maria, dass sie nicht bei ihrer Schwiegermutter wohnt!».