Laufende Forschungen

Ausgabe 17

Neue Mobilitäten und neue Räume für Pastoralisten im Amdo?

Strassen- und Telekommunikationsnetze auf dem tibetischen Hochplateau

Seite 163
Lilian Iselin

Die Region Amdo im Nordosten des tibetischen Hochplateaus wird seid Jahrhunderten vorwiegend von Pastoralisten bewohnt. In einem nomadischen Weidewechselzyklus hal- ten sie Yak-, Schaf- und Ziegenherden und optimieren so die Nutzung der Ressourcen auf dem durch harsche Klimakonditionen geprägten Hochland. Mobilität ist durchwegs ein zentraler Aspekt ihrer Lebens- und Wirtschaftsform (vgl. Goldstein & Beall 1990).
Diese nomadische Lebens- und Wirtschaftsform ist seit der Integration der tibetischen Regionen in die Volksrepublik China in den 1950er Jahren enorm unter Druck geraten. In den 1950er und 1960er Jahren wurden die Besitzverhältnisse von Pastoralisten kollektiviert und die Produktion wurde an sogenannte Arbeitseinheiten übertragen, die nach vorgegebenen Planzielen zu wirtschaften hatten. Ende der 1970er bis anfangs der 1980er Jahre wurde die Kollektivierung aufgehoben und marktwirtschaftliche Prinzipien eingeführt, welche die Produktionsverantwortung zurück an pastorale Haushalte delegierte. Viele vorkollektive Praktiken der nomadischen Herdenhaltung und der damit zusammenhängenden soziokulturellen Lebensweise wurden dadurch wiederhergestellt, wie beispielsweise Manderscheid (2002) argumentierte.

Trotzdem hat sich der Staat in den folgenden Jahrzehnten weiterhin als starker Akteur bemerkbar gemacht und es ist eine Zunahme der staatlichen Eingriffe und Einflussnahme festzustellen (Goodman 2004: 318). Staatliche Entwicklungsprogramme haben u.a. zum Ziel, Randregionen der Volksrepublik China durch Modernisierung und staatlich induziertem Fortschritt an der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Staates teilhaben zu lassen (Senz 2010: 18).