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Tsantsa 21/2016

Öffentliche Räume, Zusammenleben und Marginalisierung:

Welche Wirklichkeiten und welche Herausforderungen prägen die Städte der Gegenwart?

Herausgeberinnen des Dossiers: Annamaria Colombo (HES-SO//Haute école fribourgeoise de travail social), Giada de Coulon (HES-SO//Haute école fribourgeoise de travail social), Monika Litscher (HSLU SA//Hochschule Luzern – Soziale Arbeit)

Diese Ausgabe möchte komplexe Ausprägungen und Konstellationen von öffentlichem Raum und Marginalisierung in Städten der Schweiz und anderenorts in den Blick nehmen. Spezielle Berücksichtigung sollen dabei gegenwärtige Herausforderungen des Wettbewerbs und der Sichtbarkeit erfahren.


Seit jeher ist das Aushandeln und Beanspruchen von Raum eine der zentralen Herausforderungen im urbanen Leben. Mit besonderer Deutlichkeit zeigt sich dies in den komplexen und intimen Verbindungen von öffentlichen Räumen und den Images von Städten (Rosemberg 2000; Lindner 2008; Färber 2008). Zudem wird Raum – u.a. infolge seiner Knappheit als Ressource – zum begehrten Spielball im Wettbewerb um Besitz. Auf symbolischer Ebene nimmt Raum grosse Bedeutung bei der Kontrolle der Umgebung ein, wobei der Zugang zu konkreten öffentlichen Räumen reguliert wird und immer eng mit Herrschafts- und Machtansprüchen von Politik und Wirtschaft verstrickt ist. (Grafmeyer 1994; Knierbein 2010; Wildner 2003). In aktuellen Kontexten der globalisierten Wirtschaft konkurrieren Städte unternehmerisch auch mit ihren öffentlichen Räumen (Sassen 2002). So bemühen sich Stadtregierungen um eine «Positionierung» auf dem «Markt der Städte» mit Strategien des «urbanen Marketings» und «city branding» (Rosemberg 2000; Mager, Matthey 2010; Zukin 2010).

Viele Studien zeigen, dass diese Entwicklungen mit bedeutsamen Auswirkungen für öffentliche Räume und deren Management und Regulierung verbunden sind. Die derzeitigen Dienstleistungen, Infrastrukturen und das unternehmerische Investment betreffen nicht nur Technologien, kulturelle Güter und steuerliche Vorteile, sondern sie zielen auch auf die Sicherheitsdispositive im öffentlichen Raum (Belina 2006; Langreiter et al. 2010). Autorinnen und Autoren wie Ghorra-Gobin (2000) oder Perraton und Bonenfant (2009) konstatieren denn auch, dass ökonomischer Druck eine Privatisierung der öffentlichen Räume vorantreibt, die zunehmend gesteuerte und normierte Konsumations-, Service- und Erlebnisräume mit sich bringt. Diese Transformationen lassen sich als eine mögliche Erklärung für die Zunahme der Regulierungen und Kontrollen von öffentlichen Räumen (Strasse, Park, Platz etc.) und von «quasi- öffentlichen» Räumen (Einkaufszentrum, Campus, Sportanlage etc.) in fast allen Städten Europas inklusive der Schweiz zu lesen. Ihre Manifestation erfolgt etwa mittels Grenz- und Zugangskontrollen und Disziplinierungen (z.B. polizeiliche Überwachung, Sicherheitsdienste), Mobilitätsaufforderungen (z.B. Stadt- und Verkehrsplanung), Erziehungs- und Interventionskampagnen (z.B. www.igsu.ch) sowie mittels rechtlich-normativer Dispositiven (z.B. Anti-Bettelgesetze) (Doherty et al. 2008).

Dieser Call sucht nun nach Deutungen und Lesarten von Steuerungsmodalitäten des öffentlichen Raums und fragt insbesondere nach deren Einfluss auf und Zusammenhang mit Repräsentationen des Anderen und der Marginaliät und, inwiefern sie den öffentlichen Raum und sein Potenzial als Verhandlungsraum tangieren.


Dabei interessiert diese Ausgabe sich vornehmlich für analytische Auseinandersetzungen mit bislang wenig untersuchten Feldern, die mit sozial- und kulturanthropologischer und ethnografischer Perspektive erfolgen. Diese Tsantsa-Ausgabe möchte keineswegs «gute» und «schlechte» Verhandlungen des öffentlichen Raums moralisch bewerten. Vielmehr sollen sich verschiedene vielstimmige Artikel versammeln, die aus unterschiedlichen urbanen Kontexten berichten, die verschiedene Herausforderungen des Wettbewerbs der unternehmerischen Stadt, Modalitäten der Aneignung, der In- Wertsetzung und Regierung des öffentlichen Raums in den Blick nehmen. Willkommen sind zudem Artikel, die Aspekte des Teilens des öffentlichen Raums fokussieren und dabei unterschiedliche Akteurinnen und Akteure berücksichtigen, welche Stadtraum traversieren, nutzen und besetzen und/oder die in einem Prozess der Marginalisierung und Kategorisierung als different bezeichnete Gruppen betreffen.

In diesem Sinne können die vorgeschlagenen Artikel mit einer lokalen oder vergleichenden Perspektive verfasst werden, sie sollen mit ihrer wissenschaftlichen Analyse eines oder mehrere der folgenden Themen treffen:

-  Praktiken, Logiken und Repräsentationen von Akteurinnen und Akteuren, die von Regierung, Steuerung und Teilen des öffentlichen Raums charakterisiert werden (z.B. Geschäftsbetreibende, Investor_innen, Polizeikräfte, Strassenarbeiter_innen, Marginalisierte, Medien, Politiker_innen, Fachkräfte der Verwaltung und Planung) und/oder Haltungen/Werte, die diese Praktiken begründen. 

-  Formen der "In-Wertsetzung", der Aneignung von öffentlichem Raum, des Managements und der Intervention und damit verbundene Konsequenzen für unterschiedliche betroffene Akteurinnen und Akteure. 

- Modalitäten der Berücksichtigung oder auch der Vernachlässigung von wirtschaftlichen, unternehmerischen Entwicklungen der Städte und/oder von u.a. normativ regulierter Gestaltung von Stadtraum, unter Berücksichtigung unterschiedlicher Formen der Aneignung öffentlicher Räume u.a. durch marginalisierte Gruppen, oder solche, die als marginalisiert bezeichnet werden oder/und sich selbst als solche bezeichnen.


Gastautorinnen


Annamaria Colombo (HES-SO//Haute Ecole de Travail Social de Fribourg)


Giada de Coulon (HES-SO//Haute Ecole de Travail Social de Fribourg)
Giada de Coulon ist Sozialanthropologin und promovierte 2015 an der Universität Neuchâtel. In ihrer Doktorarbeit hat sie sich mit Wahrnehmungen der Gesetzlichkeit von abgewiesenen Asylsuchenden, die in der Nothilfe leben, auseinandergesetzt. Seit 2013 arbeitet sie an der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg (HSA-FR). Dort hat sie an einer Studie zu Repräsentationen des Bettelverbots in Genf im Zusammenhang mit der Aufteilung des öffentlichen Raumes mitgewirkt. Seit 2015 arbeitet sie an einer ethnographischen Forschung, in der sie die Position von Drogendealern im Genfer Quartier Pâquis aus einer intersektionellen Perspektive untersucht.
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Monika Litscher (HSLU SA//Hochschule Luzern – Soziale Arbeit)
Monika Litscher studierte Ethnologie, Volkskunde und Völkerrecht an den Universitäten Zürich und Brüssel. Mit ihrer Arbeit "Urbane Szenerien" erlangte sie ihr PhD am Institut für Populäre Kulturen an der Universität Zürich. Als Professorin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit fokussierte sie auf Fragen zu Stadtraum, Stadtentwicklung und -planung, Ein- und Ausschluss in öffentlichen Räumen. Dazu publizierte sie u.a. "Wegweisung aus öffentlichen Stadträumen" (2012). Heute forscht und lehrt sie als Stadtforscherin, Kulturwissenschaftlerin und Filmemacherin an unterschiedlichen disziplinären Schnittstellen und kuratiert den Bereich Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Universität Liechtenstein.
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