Ausgabe 26/2021

15.11.2019 Call for papers: Natürlich, künstlich, digital: Sozio-materielle Wechselbeziehungen

TSANTSA Dossier Nr. 26/2021 | hrsg. von Filipe Calavo, Matthieu Bolay and Lindsay Bell

Hinweis: Tsantsa publiziert in Deutsch, Französisch und Englisch. Beiträge können in einer der drei Sprachen eingereicht werden.



Wir befinden uns in einem neuen Zeitalter der Materialitäten. Ob in industriellen Laboren oder tropischen Regenwäldern; in Agrar- und Lebensmittelsystemen oder synthetischen Fleischerzeugnissen; oder in Computersimulationen bis hin zur medizinischen Biotechnologie: das Verhältnis zwischen dem „Natürlichen“, Künstlichen und Digitalen hat sich gewandelt. Obgleich ihrer empirischen Überlappungen in verschiedenen Wertschöpfungsprozessen und Industrien priorisieren anthropologische Betrachtungen derzeit die materiellen Besonderheiten von und die Abgrenzung zwischen dem Synthetischen und dem Digitalen im Hinblick auf ihre Beziehung zum sogenannten „Natürlichen“. Anstatt natürliche, künstliche und digitale Welten als politisch antagonistisch, materiell abgegrenzt oder ontologisch getrennt von einander zu betrachten, stellt diese Tsantsa-Sonderausgabe die Frage, wie digitale, künstliche und natürliche Materialitäten durch die verschiedenen sozio-materiellen Prozesse der Mediation, Umwandlung und Wertbestimmung ineinander verzahnt sind. Inspiriert von früheren Konzeptualisierungen „hybrider“ menschlicher und nichtmenschlicher Kollektive (Latour 2005), den Reibungen der globalen Vernetzung von Mobilität, Form und Handlungsfähigkeit (Tsing 2005), und dem Verschwimmen von Grenzen zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen durch Cyborgs (Mitchell 2003), wollen wir hier herausstellen, wie die Besonderheiten von und die Abgrenzungen zwischen diesen materiellen Ordnungen produziert werden und mit einander verschränkt sind. Unsere Herangehensweise an Mediation fokussiert sich dabei auf die konzeptionellen und realen Verschränkungen zwischen Materialitäten; Umwandlung betrachtet die ordnungsübergreifenden Transformationen von Form und Substanz; und Wertbestimmung impliziert letztlich die Entsprechung, Bewertung und Vermarktlichung von biosozialen und ökonomischen Prozessen innerhalb und über künstliche, digitale und natürliche Ordnungen hinweg.

Seit Langem gehören Kunstfaser, -stoff und -gewebe zu den Grundbausteinen des modernen Massenkonsums. Mit den neuerlichen Versuchen, das Leben selbst zu synthetisieren und zu technologisieren, sowie mit den expandierenden Perspektiven für eine digital-mediierte und durch Algorithmen und künstliche Intelligenz gesteuerte Zukunft, hat die Sozialwissenschaft begonnen, von der Entstehung von und der Grenzüberschreitung zwischen natürlichen, künstlichen und digitalen Produkten in einer großen Bandbreite an sozio-kulturellen, politischen und ökonomischen Kontexten Bestand zu nehmen. Neben Forschung zu virtuellen Realitäten haben AnthropologInnen und andere SozialwissenschaftlerInnen die sozialen und politischen Auswirkungen digitaler und algorithmischer Prozesse untersucht, einschließlich des Interface und der Mediation zwischen Menschen und Computern (Coleman 2013, Kockelman 2017), und zeigen akutes Interesse daran, wie in den Naturwissenschaften neue Lebensformen erschaffen werden (z.B. Roosth 2017). Wir wollen diese Analysen unter dem Licht der sozio-materiellen Prozesse der Mediation, Umwandlung und Wertbestimmung neu beleuchten und vorantreiben. Nehmen wir beispielhaft Diamanten und menschliche Zellen, die als organische Stoffverbunde auch in Laboren gezüchtet werden können, sowie sie auch zum Subjekt von digital-mediierter Krypto-Zertifizierung and Datenmanagement gemacht werden. In diesen Umwandlungen überlappen sich natürliche, synthetische und digitale Materialitäten auf eine Art und Weise, dass daraus neue Formen der Mediation, Bio-Ökonomie und Wertbestimmung entstehen.

Diese Sonderausgabe stellt sich einer anthropologisch relevanten, neuartigen Reflektion um folgende Fragen: Kann das Synthetische oder Digitale auch biologisch sein? Und was ist an künstlichen Stoffen und Prozessen natürlich? Welche sind die Grenzen, Lecks und gegenseitigen Kontaminationen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz, digitaler und synthetischer Produktion, von Wirtschaftsräumen bis in die intimen Bereiche des Lebens? Welche Fragen und Herausforderungen ergeben sich aus den wachsenden synthetischen und digitalen materiellen Kulturen für den Zustand des Menschlichen und des Post-Menschlichen? Wie werden Gesundheit, Arbeit und Sozialität durch digitale und synthetische Produktionsprozesse transformiert? Wie wird Wertigkeit über diese verschiedenen sozialen, epistemologischen und materiellen Ordnungen definiert und geschaffen? Was sind die politischen, epistemologischen, ökologischen und sozialen Voraussetzungen für eine Zukunft, welche immer stärker in synthetischen und digitalen Werten verstrickt zu werden verspricht?

Durch die Beantwortung dieser Fragen widmet sich dieser Sonderausgabe zwei Hauptzielsetzungen: Erstens theorisieren wir das Soziale in den Prozessen der Mediation, Umwandlung und Wertbestimmung von natürlichen Kunststoffen, dem Menschlichen in künstlicher Intelligenz und der Materialität von digitalen und materiellen Elementen. Zweitens gibt sich diese Sonderausgabe die Aufgabe, die Wechselbeziehungen zwischen digitalen und materiellen Beschaffenheiten sowie organischen und synthetischen Stoffen zu untersuchen, um sich über ihre essentiellen Eigenschaften hinweg zu setzen. Gerne nehmen wir ethnografische Beiträge entlang der beschriebenen Forschungsfragen entgegen, die unsere Betrachtung öffnen für eine neuartige Reflektion über die Natürlichkeit digitaler und künstlicher Prozesse; über die phänomenologische Erfahrung des Besetzens digitaler Räume und des Verkörperns synthetischer Stoffe; sowie über die Bedeutung der neuen sozialen und arbeitstechnischen Konventionen, welche durch die Verflechtung natürlicher, digitaler und künstlicher Materialitäten ermöglicht werden.

Literatur :

  • Coleman, G. 2013. Coding Freedom: The Ethics and Aesthetics of Hacking. Princeton, NJ: Princeton UP.
  • Kockelman, P. 2017. The art of interpretation in the age of computation. Oxford University Press.
  • Latour, B. 2005. Reassembling the social: An introduction to Actor-Network-Theory. Oxford: Oxford UP
  • Mitchell, W. J. 2003. Me++: The cyborg self and the networked city. Cambridge: MIT Press
  • Roosth, S. 2017. Synthetic. How Life Got Made. Chicago: University of Chicago Press
  • Tsing, A. L. 2005. Friction: An ethnography of global connection. Princeton University Press.

Wir bitten um die Einsendung von Abstracts (max. 2000 Zeichen) bis am 7. Januar an: : Filipe Calvao; Matthieu Bolay; Lindsay Bell und info tsantsa

Zeitplan für die Veröffentlichung:
Abstracts: 7. Januar 2020
Vollständige Artikel: Mai 2020
Veröffentlichung: Frühjahr 2021

PDF: Sonderausgabe - special issue 26/2021

Für weitere Informationen: richtlinien-fuer-beitragende